Was passierte wirklich, wenn das Kind nicht mehr dasselbe war?
Ein norwegischer Bauer des 12. Jahrhunderts wacht morgens auf und bemerkt: sein Kind ist anders. Anderes Temperament, anderes Aussehen, schläft nicht mehr durch. Er zweifelt nicht eine Sekunde — ihm ist klar, was geschehen ist.
Der Troll hat das echte Kind gestohlen und ein eigenes zurückgelassen. Ein sogenannter Wechselbalg. Diese Überzeugung war in Norwegen bis weit ins 19. Jahrhundert so fest verankert, dass sie in offiziellen Gemeindeprotokollen auftaucht. Unerklärliche Todesfälle, plötzliche Krankheiten, veränderte Persönlichkeiten bei Kindern — für alles gab es eine Erklärung: die Trolle.
Was wir heute als Entwicklungsauffälligkeiten, frühkindliche Epilepsie oder Autismus kennen, kannte das Mittelalter nicht. Was es kannte, waren die Trolle. Und die Logik war bestechend: Das wirkliche Kind ist woanders, es lebt noch — man muss es nur zurückholen.
Warum Norwegen so viele merkwürdige Felsen hat
Sie kennen das: Man fährt durch Norwegen, sieht eine bizarre Felsformation und denkt — das sieht aus wie ein Gesicht, wie ein Riese, wie etwas Lebendes. Das ist kein Zufall.
In der norwegischen Volksüberlieferung gibt es für solche Felsen eine ganz klare Erklärung: Das waren Trolle. Trolle, die zu lange draußen blieben. Trolle, die den Sonnenaufgang verschliefen. Sobald das erste Sonnenlicht sie trifft — Versteinerung. Manchmal mit lautem Knall, manchmal still.
Deshalb tragen so viele markante Erhebungen in Norwegen den Namen Troll: die Trolltunga bei Odda — eine zehn Meter lange Felszunge, die wie eine herausgestreckte Zunge aussieht. Der Trollstigen, die Trollleiter. Der Trollheimen, die Heimat der Trolle. Das sind keine romantischen Touristen-Namen, die irgendein Marketingmensch erfunden hat. Das sind jahrhundertealte Volksnamen.
Der König, der Jagd auf Trolle machte — und zum Heiligen wurde
Stellen Sie sich vor: Ein König reitet durch sein Reich. Nicht auf der Suche nach Feinden, nicht nach Steuern. Er sucht Trolle. Und er findet sie.
König Olav II. Haraldsson, später bekannt als Olav der Heilige, regierte Norwegen von 1015 bis 1028. Er christianisierte das Land — mit Feuer und Überzeugung. Und in seiner Mythologie war die Aufgabe klar: Die alten Mächte mussten weichen. Die Trolle, die Naturgeister, die heidnischen Kräfte.
Die Sagen berichten, wie Olav Trolle beim Kirchenbau einsetzte — und sie dann durch eine Falle vernichtete. Das berühmteste Beispiel: Der Bau des Nidarosdoms in Trondheim. Ein Troll, kräftig genug um die schwere Turmspitze zu setzen, die Olav nicht stemmen konnte, wurde engagiert. Als die Arbeit getan war, rief Olav ihm beim Namen — der Troll, seiner Macht beraubt, stürzte vom Dach. Sein Kopf wurde zum Stein neben der Kirchenmauer.
Das ist nicht nur eine Geschichte. In der Kirche von Dingtuna in Schweden existiert noch heute ein Wandgemälde aus dem 15. Jahrhundert mit dem Titel: „Olav der Heilige verwandelt Trolle zu Stein."
Der Mann in der Armut — der ein ganzes Volk das Sehen lehrte
Vor Kittelsen hatte jeder seinen eigenen Troll im Kopf. Danach hatten alle denselben. Wie macht man das?
Theodor Severin Kittelsen wurde 1857 in Kragerø geboren, wuchs in bitterer Armut auf, studierte mit fremder Unterstützung in Christiania und München — und kehrte in die norwegische Natur zurück, die er wie kein anderer sah. Ab den 1880er Jahren illustrierte er die Märchensammlung von Asbjørnsen und Moe.
Was vorher jeder anders imaginiert hatte, bekam nun eine Form: alt, bucklig, mit langen Armen und einer Nase wie ein Bergvorsprung, Bäume auf dem Kopf, vier Finger an jeder Hand. Kittelsens Trolle sehen aus wie die Natur selbst — als hätten Berge beschlossen, aufzustehen und zu gehen.
Er schrieb einmal über seine Malerkollegen, von denen könne keiner einen richtigen Troll malen — schließlich habe im Gegensatz zu ihm nie einer auch nur einen Troll zu Gesicht bekommen. Ob das ein Witz war oder nicht, weiß man nicht. Was man weiß: Ein einziges Aquarell von ihm erzielte 1990 1,8 Millionen Kronen bei einer Auktion. Der Mann, der nie Geld hatte, schuf die teuersten Trolle der Welt.
Sie sah aus wie ein Mädchen. Aber dann wendete sie sich um.
Nicht alle übernatürlichen Wesen Norwegens sind hässlich. Manche sind das Gefährlichste überhaupt: wunderschön.
Die Huldra ist die weibliche Seite der Trollwelt — und das am häufigsten missdeutete Wesen der norwegischen Folklore. Sie erscheint als junges Mädchen mit dickem goldenem Haar, warmem Lächeln, einer Stimme wie Quellwasser. Männer folgen ihr in den Wald. Viele kehren nicht zurück.
Ihr Geheimnis verrät sich nur von hinten: ein Kuhschwanz, sorgfältig unter dem Rock versteckt. Wer den Schwanz sieht, ist gewarnt. Wer ihn nicht sieht — hat verloren. Sie ist die skandinavische Variante der Sirene, der Loreley, des Verführungsmotivs, das alle Kulturen kennen.
Henrik Ibsen hat sie unsterblich gemacht: In Peer Gynt kommt der Kuhschwanz erstmals als festes Merkmal der Trollwesen vor — Ibsen lieh sich das Detail direkt aus der Huldra-Überlieferung. Seitdem haben alle Trolle Schwänze.
Warum norwegische Märchen eigentlich politische Pamphlete waren
Stellen Sie sich vor: Sie sind Norwegian. Es ist 1840. Ihr Land gehört Schweden. Ihre Kultur wird als primitiv belächelt. Ihre Sprache gilt als Dialekt. Was tun Sie? Sie erzählen Märchen.
Als Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe zwischen 1837 und 1871 die norwegischen Volksmärchen sammelten, taten sie das nicht aus folkloristischer Neugier allein. Es war ein kulturpolitischer Akt. Nach dem Vorbild der Brüder Grimm, die für Deutschland dasselbe getan hatten, wollten sie beweisen: Norwegen hat eine eigene Seele, eine eigene Sprache, eine eigene Erzähltradition.
Und die Trollgeschichten passten perfekt. Der Troll — riesig, dumm, mächtig — der am Ende immer von einem schlauen jungen Bauernburschen überlistet wird. Das war keine zufällige Erzählstruktur. Das war eine Botschaft: Auch der Kleine kann den Großen besiegen. Auch das kleine Norwegen kann die großen Nachbarn überwinden.
Peer Gynt (1867) ist das berühmteste Produkt dieser Tradition. Ibsens Held überlistet den Trollkönig vom Dovrefjell — und wurde zum Sinnbild des widerspenstigen, einfallsreichen norwegischen Nationalcharakters.
Das Land, das Straßen für Elfen umbaut
Wir sind jetzt im Jahr 2026. Und trotzdem: In Island wurde vor nicht allzu langer Zeit eine geplante Straße umgeleitet. Nicht wegen Geologie, nicht wegen Umweltschutz. Wegen der Wohnstätten des verborgenen Volkes.
Die Huldufólk — das verborgene Volk — sind Islands Version der Trolle und Naturgeister. Umfragen zeigen immer wieder, dass ein erheblicher Teil der isländischen Bevölkerung an ihre Existenz glaubt, oder zumindest die Möglichkeit nicht ausschließt. Es gibt in Reykjavík sogar eine Elfenschule, die Kurse über das verborgene Volk anbietet.
Woher kommt das? Island ist die Heimat der Prosa-Edda, der ältesten schriftlichen Quelle der nordischen Mythologie überhaupt. Die bizarre Vulkanlandschaft — Lavafelder, Geysire, Felsformationen die aus dem Nichts auftauchen — macht es leicht zu glauben, dass dort etwas Übernatürliches haust. In Island ist die Brücke zwischen Volksglauben und Gegenwart nie ganz abgebrochen.
Der ärmste Holzschnitzer der Welt — und sein Milliarden-Dollar-Geschenk
Es war Weihnachten 1959. Thomas Dam, dänischer Holzschnitzer, hatte kein Geld für Spielzeug. Also schnitzte er seiner Tochter eine Puppe. Mit großen Augen, wildem Haarstubbel, breitem Grinsen. Hässlich. Bezaubernd.
Die Mitschülerinnen seiner Tochter wollten alle eine. Thomas Dam begann zu produzieren. Die Puppen kamen in die USA. Und dann passierte etwas, das niemand vorausgesehen hatte: 1963 wurden sie zum größten Spielzeug-Fad der Saison — vor Barbie, vor Matchbox, vor allem.
Das Problem: Dam hatte die US-Copyright-Unterlagen nicht rechtzeitig eingereicht. Eine Formalie. Die Folge: Hunderte von Imitatoren produzierten billige Kopien. Die Original-Trollpuppen mit Schafwollhaaren und Glasaugen wurden von Plastikversionen überflutet. Dam verlor einen Großteil des Marktes — aber nicht den Mythos.
2013 kaufte DreamWorks Animation die weltweiten Filmrechte. Der Rest ist Popgeschichte: bunte Trolls-Filme, Merchandise für Milliarden. Das urtümliche Monster der Edda war zum singenden Animationscharakter geworden. Rudolf Simek, Trollforscher an der Universität Bonn, nannte diese Phase schlicht den „Tiefpunkt der Troll-Rezeption".
Das Monster kehrt heim — und schlägt den Popstar
2022. Netflix veröffentlicht einen norwegischen Film über einen 50 Meter hohen Troll, der im Dovrefjell erwacht. In der ersten Woche: meistgesehener nicht-englischsprachiger Film in der Geschichte von Netflix.
Der Troll war zurück. Nicht als Popstar — als Monster. Und das Publikum liebte es. Regisseur Roar Uthaug hatte genau verstanden, was die DreamWorks-Version vergessen hatte: Der Troll ist kein Freund. Er ist uralt, gewaltig, unbegreiflich. Er passt nicht in eine Welt der Menschen. Er gehört den Bergen.
Bereits 2010 hatte der norwegische Mockumentary-Film Trollhunter von André Øvredal dieselbe Botschaft gesandt — Trolle als staatlich geheimgehaltene Bedrohung, gefilmt wie eine Reportage. International gefeiert. Der Film, der mit fast keinem Budget gedreht wurde, zeigte: Das bedrohliche Ursprungsbild hat mehr Kraft als jede niedliche Variante.
2025 setzte Netflix-Film Troll 2 die Geschichte fort — und griff direkt auf die mittelalterliche Überlieferung zurück: Olav der Heilige als derjenige, der einst systematisch Jagd auf Trolle machte. Keine Filmerfindung — eine der ältesten Schichten der norwegischen Volksüberlieferung. Endlich auf der Leinwand.
Vom Naturgeist zum Internet-Troll — eine Wortreise durch die Jahrtausende
Sie lesen diesen Text vielleicht auf einem Gerät, auf dem Sie täglich Internet-Trollen begegnen. Wissen Sie, woher das Wort kommt? Die Antwort überrascht.
Der Internet-Troll hat etymologisch nicht denselben Ursprung wie der Trollstein aus der Edda. Das Verb to troll kommt aus der Angelfischerei: langsam einen Köder hinter einem Boot herziehen — in der Hoffnung, dass etwas anbeißt. Wer jemanden im Internet trollen will, legt den Köder aus und wartet, bis jemand reagiert.
Der erste belegte Beleg stammt aus 1992 — einer Usenet-Newsgroup namens alt.folklore.urban, in der Phrase „trolling for newbies". Erfahrene Nutzer lockten Neulinge mit absichtlich naiven Fragen in endlose Diskussionen.
Und dennoch: Die Namensübereinstimmung ist keine zufällige. Der mythologische Troll lauert unter Brücken auf Opfer, ist antisozial, streitsüchtig, von zweifelhafter Intelligenz. Der Internet-Troll auch. Ob das Wort der Angelfischerei irgendwann mit dem Bild des Folkloretrolls verschmolz — oder ob es reiner Zufall war — ist bis heute Diskussionsthema.
Der Troll in der Antarktis — und in der Nordsee
Der Name reicht weiter, als man denkt. Weit über die norwegischen Berge hinaus — bis in die Tiefen der Nordsee und bis ans Ende der Welt.
Das Troll A-Erdgasfeld in der Nordsee, entdeckt 1979, ist eines der größten Erdgasfelder Europas. Seine Plattform — auf der Nordsee stehend wie ein Stahlriese — ist so groß, dass sie beim Bau das größte je von Menschen bewegte Objekt war. Der Name war kein Marketing: Das Feld liegt tief, riesig, schwer zugänglich, verborgen unter dem Meeresgrund. Wie ein Troll unter seinem Berg.
Und dann ist da noch die Trollstasjonen — die norwegische Forschungsstation in der Antarktis, gegründet 1989. Die umliegenden Berge tragen Namen wie Trollvekja, Trollguten, Trolltinden. In der einsamsten und unwirtlichsten Gegend der Erde hat Norwegen seine Trolle mitgenommen.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Der Troll ist kein museales Artefakt. Er ist ein lebendiger Teil der norwegischen Identität — in der Erdgasindustrie, in der Antarktisforschung, in den Filmen, in den Ortsnamen. Überall, wo Norwegen hingeht, geht der Troll mit.