Entstehung der Stadt
Kiruna entstand nicht aus sich selbst heraus — sie wurde aus dem Erdboden gestampft, buchstäblich. Ende des 19. Jahrhunderts war das Gebiet in Schwedisch-Lappland, rund 145 Kilometer nördlich des Polarkreises, nahezu unbewohnt. Es war die staatliche Bergbaugesellschaft LKAB (Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag), die um 1890 mit dem Eisenerzabbau am Kirunavaara-Berg begann — und damit auch die Siedlung ins Leben rief, die sich um die Mine legte.
Im Jahr 1900 wurde Kiruna offiziell als Stadt gegründet. Der Ort war von Anfang an auf einen einzigen Zweck ausgerichtet: der Bergbau. Die Infrastruktur — Eisenbahn, Wohn- und Sozialbauten, öffentliche Einrichtungen — wurde weitgehend von LKAB errichtet und finanziert. Bis heute trägt das Unternehmen das Logo der Stadt sprichwörtlich auf allen Schildern.
Die frühen Pläne für Kiruna gingen davon aus, dass die Erzlagerstätten in bekannter Tiefe und Ausdehnung erschöpfbar seien. Niemand ahnte, dass sich der Erzkörper weit unterhalb der städtischen Bebauung erstrecken würde — ein geologisches Schicksal, das erst Jahrzehnte später sichtbar werden sollte.
Wovon lebt Kiruna?
Kiruna lebt fast ausschließlich von der Eisenerzmine. Stadt und Bergwerk existieren in einer engen Symbiose — die eine hätte ohne das andere nie existiert, und diese Abhängigkeit ist bis heute ungebrochen.
Die Mine Kirunavaara gilt als die größte unterirdische Eisenerzmine der Welt und fördert eines der reinsten Eisenerze überhaupt. LKAB versorgt rund 80 Prozent des europäischen Eisenerzbedarfs — eine marktbeherrschende Stellung, die dem Konzern erhebliche wirtschaftliche Stabilität verleiht.
Neben dem Bergbau gibt es in Kiruna kaum nennenswerte andere Wirtschaftszweige. Der Tourismus ist ein Wachstumsfeld — das Nordlicht, die Mitternachtssonne und das Eishotel in Jukkasjärvi locken Besucher an — bleibt aber strukturell weit hinter dem Bergbau zurück. Die Stadt versucht im Rahmen der Neuplanung, sich breiter aufzustellen und Abhängigkeiten zu reduzieren.
Warum muss die Stadt weichen?
Der Erzkörper des Kirunavaara-Berges reicht tief unter die Stadtfläche. Je weiter der Abbau in die Tiefe geht, desto mehr Hohlraum entsteht unter der Stadt — mit weitreichenden Folgen für den Untergrund und die Oberfläche.
Im Jahr 2004 machten Messungen von LKAB erstmals deutlich, dass der Boden oberhalb der Mine begann, sich zu verformen und abzusenken. Risse im Untergrund, Setzungen, Brüche in der Oberfläche: Die sogenannte Deformationszone breitete sich unaufhaltsam in Richtung Stadtkern aus.
Die Mechanik der Absenkung
Beim Abbau von Tiefengestein entsteht ein Hohlraum, der — ohne vollständige Verfüllung — zum Einbruch neigt. Im Fall des Kirunavaara-Erzkörpers zieht sich diese Verformungszone schräg nach oben zur Erdoberfläche hin und betrifft ein Gebiet, das mit jeder weiteren Abbaustufe wächst. Die Stadt stand schlicht im falschen Winkel zum Erzflöz.
Alternativ wäre es möglich gewesen, den Abbau zu stoppen und Kiruna am alten Ort zu belassen. Das aber hätte das Ende der Minenaktivität bedeutet — wirtschaftlich und geopolitisch undenkbar, erst recht angesichts der neu entdeckten Seltenerdmetalle.
Die Stadtverlagerung — Chronologie
Die Verlagerung des Stadtzentrums von Kiruna um rund drei Kilometer nach Osten — in das Gebiet Tuolla — gilt als eines der spektakulärsten Stadtumbauprojekte der Moderne. Sie läuft in mehreren Phasen ab und ist bis heute nicht abgeschlossen.
Was wird bewegt, was abgerissen?
Von den historisch wertvollen Gebäuden sollen 39 Bauten physisch umgesetzt werden — darunter die Kirche und der Rathausturm. Die überwiegende Mehrheit der Gebäude wird jedoch abgerissen und durch Neubauten im neuen Zentrum ersetzt. Das neue Kiruna orientiert sich an einem urbanen Leitbild — die Rede ist von einem „kleinen Manhattan" — und soll mit Kultureinrichtungen, Schwimmbad, Bildungszentrum und Universität eine höhere Lebensqualität bieten als zuvor.
Kosten der Verlagerung
Die gesamten Kosten der Stadtverlagerung sind schwer zu beziffern, weil das Projekt in mehrere Phasen aufgeteilt ist und die zweite Phase erst 2025 angekündigt wurde. Die verfügbaren Zahlen beziehen sich überwiegend auf Phase 1.
| Posten | Betrag | Quelle / Kontext |
|---|---|---|
| Phase 1 (Schätzung, Gesamtkosten) | über 10 Mrd. SEK ≈ knapp 1 Mrd. EUR |
Schätzung für ca. 6.000 Bewohner, 3.000+ Gebäude bis ~2035 |
| Häufig genannte Vergleichszahl | mind. 1,2 Mrd. USD | Internationaler Vergleichswert; oft zitiert für die Kernmaßnahmen |
| Phase 2 (angekündigt Sept. 2025) | noch nicht beziffert | Weitere 6.000 Einw., ca. 2.700 Häuser; Verhandlungen laufen |
| Kostenträger | LKAB trägt die Hauptlast (gesetzlich zur Folgenbeseitigung von Bergbauschadensverpflichtet). Die Gemeinde Kiruna trägt Restkosten und kämpft um staatliche Beteiligung. | |
Ein weiteres Problem: Die Umsiedlungskosten treiben die Bau- und Mietpreise in Kiruna künstlich in die Höhe, weit über das Niveau anderer nordschwedischer Städte. Das erschwert die Anwerbung von Arbeitskräften außerhalb des Bergbaus erheblich.
Eisenerzreserven — wie viel ist noch übrig?
LKAB veröffentlicht jährlich aktualisierte Zahlen zu seinen Mineral Reserves (nachgewiesene und wirtschaftlich abbaubare Reserven) und Mineral Resources (geologisch nachgewiesene, aber noch nicht vollständig bewertete Mengen). Stand Ende 2025:
Die Reserven in Kiruna sind 2025 gegenüber 2024 um 7 Prozent gesunken — im Einklang mit der regulären Förderung. Gleichzeitig wachsen die Ressourcen durch neue Erkundungsbohrungen kontinuierlich: Die Lagerstätte Per Geijer allein zählt inzwischen rund 1,2 Milliarden Tonnen eisenerzhaltige Ressourcen.
Lagerstätte Per Geijer
Per Geijer ist eine Lagerstätte in unmittelbarer Nähe der bestehenden Kirunavaara-Mine, die LKAB seit einigen Jahren intensiv erkundet. Sie enthält Eisenerz mit hohem Phosphorgehalt — und ist zugleich Europas bedeutendste bekannte Lagerstätte für Seltenerdmetalle (REE). Ihre Erschließung würde die Betriebslaufzeiten der Mine erheblich verlängern.
Wie lange trägt der Bergbau die Stadt noch?
Die Frage nach der wirtschaftlichen Laufzeit lässt sich derzeit positiv beantworten — zumindest auf Sicht mehrerer Jahrzehnte. LKAB gibt an, auf Basis der gesicherten Reserven und Ressourcen gute Voraussetzungen für die Produktion bis mindestens 2060 zu haben.
| Zeitraum | Bedeutung |
|---|---|
| Bis ~2046 | Laufzeit der aktuellen Hauptebene (1365-m-Niveau) in Kiruna auf Basis der heute bekannten Reserven |
| Bis ~2060 | Gesamtplanung LKAB inkl. Ressourcen in Kiruna, Malmberget und Svappavaara |
| Darüber hinaus | Abhängig von Erschließung Per Geijer und weiterer Erkundung; Potenzial für weitere Jahrzehnte vorhanden |
Seltenerdmetalle — der zweite Lebensnerv
Im Januar 2023 gab LKAB bekannt, im Bereich der Per-Geijer-Lagerstätte die größte bekannte Seltenerdmetall-Lagerstätte Europas entdeckt zu haben — mit Ressourcen von über einer Million Tonnen Seltener-Erd-Oxide (REO). Stand 2024 wurden diese Ressourcen auf 2,2 Millionen Tonnen REO aktualisiert — eine Steigerung um fast 30 Prozent innerhalb eines Jahres.
Ein Produktionsstart für die Seltenerdmetall-Gewinnung ist frühestens für die Jahre um 2030 und danach geplant — Genehmigungsverfahren in Schweden sind langwierig. Sobald diese Förderung anläuft, entsteht für Kiruna eine zweite wirtschaftliche Säule, die das reine Eisenerzgeschäft ergänzt und die Stadtfinanzierung auf neue Beine stellt.
Fazit: Eine Stadt, die nicht stirbt
Entgegen dem Graffito „Kiruna stirbt", das jemand im Begriff des Abrisses an eine Bretterwand sprühte, zeigt die Prognose ein anderes Bild: Die Mine hat noch mindestens 35–40 produktive Jahre vor sich — eher mehr. Die Stadtverlagerung ist kein Abgesang, sondern eine aufwendige Investition in die Verlängerung einer über 130 Jahre alten Beziehung zwischen Mensch, Metall und Polarkreis.
Kirche, Wahrzeichen & Architektur des Neuen
Die Kiruna-Kirche (Kiruna kyrka), erbaut zwischen 1909 und 1912 aus Holz, ist das vielleicht symbolträchtigste Gebäude der Stadt. Im August 2025 wurde sie in einem zweitägigen Spektakel auf einem Spezialwagen mit 224 Rädern über eine eigens dafür angelegte 24 Meter breite Straße fünf Kilometer weit in das neue Zentrum gefahren. Gesamtgewicht inklusive Transportkonstruktion: rund 1.200 Tonnen. Die Fahrtgeschwindigkeit betrug maximal 500 Meter pro Stunde.
Das neue Stadtzentrum
Das neue Kiruna wird nach einem Masterplan von White Arkitekter in Zusammenarbeit mit Ghilardi + Hellsten Arkitekter errichtet. Es soll auf einer Fläche von rund 120 Hektar entstehen und sich von einer Bergbausiedlung zu einer lebendigen, zukunftsfähigen Polarstadt entwickeln. Neue Kulturzentren, ein modernes Schwimmbad (das teuerste Schwedens, mit dreijähriger Bauverzögerung), ein Bildungszentrum mit Gymnasium, Universität und Bibliothek sowie ein provisorischer Bahnhof prägen bereits das Bild.
Beobachter beschreiben das entstehende Zentrum als ein „Mini-Manhattan des Nordens" — kompakt, urban, und in starkem Kontrast zur rauen arktischen Umgebung.
Das Beben und sein Echo — 2020 & „The Abyss"
Das Erdbeben vom 18. Mai 2020
Um 3:11 Uhr morgens erschütterte das schwerste seismische Ereignis in der Geschichte der Kirunavaara-Mine die Region. Der Ausschlag betrug 3,3 auf der lokalen Magnitudenskala und 4,2 auf der Momentenmagnitudenskala — das größte Beben, das LKAB je in der Mine verzeichnete. Andere Messsysteme, darunter der U.S. Geological Survey, nannten eine Stärke von bis zu 4,9 — damit eines der stärksten Beben in Schweden seit zwölf Jahren.
Das Beben ereignete sich in einer Tiefe von 1.146 Metern im Liegenden der Mine (dem Gestein unterhalb des Erzflözes). Die 13 Mitarbeiter, die zu diesem Zeitpunkt unter Tage arbeiteten, wurden evakuiert und gelangten sicher an die Oberfläche. Niemand wurde verletzt. Die Ursache: ein kollabierter Gesteinspfeiler in Block 22 — ein bergbauinduziertes seismisches Ereignis.
Das Beben war bis zu mehreren tausend Kilometern Entfernung spürbar. Das interne Geophonnetz der Mine registrierte in den ersten 24 Stunden 20.662 seismische Folgeereignisse — das Fünffache des normalen Tagesdurchschnitts. Nachbeben wurden noch 15 Tage lang aufgezeichnet. Die Schäden an der Mineninfrastruktur waren erheblich: Die Produktion in Block 22 stand für mehr als 20 Monate still, und LKAB musste die Mineralreserven für Kiruna im Folgejahr nach unten korrigieren.
„The Abyss" (Avgrunden) — der Film, 2023
Das Beben ließ einen schwedischen Filmemacher nicht los. Regisseur Richard Holm entwickelte nach dem Ereignis die Idee zu The Abyss — einem Katastrophenfilm, in dem eine Minen-Sicherheitschefin namens Frigga (gespielt von Tuva Novotny) versucht, ihre rasch einstürzende Heimatstadt Kiruna zu überleben. Holm verknüpfte das reale Beben von 2020 mit einem bergbaubedingten Einsturz aus dem Jahr 1961 in Idkerberget und imaginierte, was geschähe, wenn beide Ereignisse heute gleichzeitig in Kiruna einträten.
Weil Dreharbeiten in den echten Kirunavaara-Minen nicht genehmigt wurden, wichen die Produzenten für die Minenaufnahmen nach Tampere in Finnland aus. Der Film erschien 2023 und gelangte 2024 auf Netflix, wo er internationale Aufmerksamkeit erhielt.
Die Sámi — der unsichtbare Preis
Im Spektakel der wandernden Kirche, der Kostenschätzungen und der Masterplanmodelle taucht eine Gruppe kaum auf: die Sámi, das indigene Volk Nordskandinaviens, das dieses Land jahrhundertelang vor jeder Mine bewohnt und genutzt hat.
Die Sámi leben in Sápmi, einem Gebiet, das sich über den Norden Norwegens, Schwedens, Finnlands und die russische Halbinsel Kola erstreckt. Eine ihrer zentralen Lebensgrundlagen ist die Rentierhaltung — kein romantisches Relikt, sondern ein komplexes, landschaftsgebundenes Wirtschaftssystem, das präzise saisonale Wanderrouten zwischen Sommer- und Winterweiden voraussetzt. Genau diese Routen verlaufen rund um Kiruna.
Fragmentierung des Landes
Der Bergbau, die wachsende Infrastruktur — Straßen, Eisenbahn, Abwasseranlagen — und nun die großräumige Neugestaltung des Stadtgebiets zerschneiden die Wanderrouten der Rentierherden. Bodensenkungen verändern die Geländestruktur. Eine Kläranlage am Stadtrand hält einen nahegelegenen Bach durch Einleitung von Warmwasser auch im Winter eisfrei — und macht eine traditionelle Passage für die Herden unpassierbar. Überweidung in verbleibenden Teilbereichen beschleunigt den Rückgang der Flechten, der wichtigsten Winternahrung der Rentiere.
Sollten die Pläne für eine weitere Mine in der Umgebung umgesetzt werden, würde nach Einschätzung der Sámi-Vertreter der verbleibende Korridor zwischen Sommer- und Winterweiden vollständig unterbrochen — Rentierhaltung in dieser Region wäre dann schlicht nicht mehr möglich.
Grüne Transition — auf wessen Kosten?
Die Entdeckung der Seltenerdmetall-Lagerstätte Per Geijer hat die Debatte verschärft. Europa braucht diese Rohstoffe für Elektroautos und Windturbinen — und Kiruna liegt mitten im größten bekannten Depot des Kontinents. Sámi-Vertreter erkennen die klimapolitische Dimension an, fordern aber, dass der Übergang zur fossilen Unabhängigkeit nicht auf dem Rücken ihrer Gemeinschaft stattfindet.
Die Sámi-Frage hat keinen Platz in den Hochglanz-Renderings des neuen Stadtzentrums. Sie ist der blinde Fleck im größten Stadtumzug der Moderne.
Die Malmbanan — Kirunas Lebensader
Ohne die Eisenbahn wäre die Kirunavaara-Mine nie mehr als ein Traum aus Erz gewesen. Das Erz liegt tief unter dem Boden — aber es muss auch irgendwohin. Die Lösung war und ist die Malmbanan, die Erzbahn: eine rund 500 Kilometer lange Strecke, die von Luleå an der Ostseeküste über Gällivare und Kiruna bis an die schwedisch-norwegische Grenze führt, wo sie in die norwegische Ofotbanen übergeht und weiter bis zum Hafen Narvik reicht.
Die Bahn wurde zwischen 1898 und 1902 gebaut — unter extremen Bedingungen, mit über 5.000 Arbeitern, durch Permafrost und über Berge. Seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1902 ist sie die logistische Lebensader des gesamten Bergbaubetriebs. Das Ziel: der eisfreie Hafen Narvik am Atlantik, dessen Wasser der Golfstrom das ganze Jahr über eisfrei hält — ein entscheidender Vorteil gegenüber dem im Winter zugefrorenen Luleå an der Ostsee.
Die eingesetzten IORE-Lokomotiven von Bombardier ziehen je einen Zug mit 68 Schüttgutwagen. Beladen fahren die Züge mit 60 km/h, leer mit 70 km/h zurück. Der Abschnitt zwischen dem Torneträsk-See und Riksgränsen an der Landesgrenze wurde 2006 zum schönsten Eisenbahnabschnitt Schwedens gekürt — Dramatik der Landschaft trifft auf die schlichte Wucht der Erzzüge.
Der Zweite Weltkrieg — Erz als Kriegsgrund
Im April 1940 wurde Narvik zum Schauplatz einer der intensivsten Seeschlachten des Zweiten Weltkriegs. Deutschen und alliierten Streitkräften war eines gemeinsam: das Erz. Wer die Malmbanan und den Hafen Narvik kontrollierte, kontrollierte einen erheblichen Teil der deutschen Stahlproduktion — und damit die Kriegsmaschinerie. Die Schlachten um Narvik kosteten Tausende das Leben; der Hafen wurde bombardiert, die Erzbahn zeitweise unterbrochen. Für den Rest des Krieges lief der Export ausschließlich über das eisabhängige Luleå.
Esrange Space Center — Orbit über dem Polarkreis
45 Kilometer östlich von Kiruna liegt ein Ort, der so gar nicht zu einer Bergbaustadt zu passen scheint: das Esrange Space Center, Europas vielseitigstes Raumfahrtzentrum. Seit 1966 werden hier Höhenforschungsraketen und Stratosphärenballons gestartet — über 575 Raketen und 675 Ballons insgesamt. Betrieben wird die Anlage von der staatseigenen Swedish Space Corporation (SSC).
Die geografische Lage ist kein Zufall. 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, bei minimaler Lichtverschmutzung und kaum kommerziellem Luftverkehr, überqueren Polarsatelliten die Empfangsantennen bis zu 14 Mal täglich — ein unschlagbarer Vorteil für Telemetrie, Tracking und Datenempfang. Esrange ist heute eine der wichtigsten Satellitenkontrollstationen Europas.
Das erste Orbitalstartportal auf europäischem Festland
Am 13. Januar 2023 eröffnete König Carl XVI. Gustaf den neuen Orbitalstartkomplex — Spaceport Esrange — offiziell als erstes Satellitenabschusszentrum auf dem europäischen Festland. Ab 2024 sollen von hier kleine Satelliten in polare Umlaufbahnen gebracht werden. Der Kontext ist geopolitisch aufgeladen: Europas Abhängigkeit von SpaceX und anderen US-Anbietern soll reduziert werden, gerade nach den Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg, der die strategische Bedeutung von Satellitennetzwerken unmissverständlich klargemacht hat.
Im März 2026 unterzeichnete die schwedische Verteidigungsbeschaffungsbehörde einen Vertrag über rund 19 Millionen Euro für den Aufbau militärischer Satellitenstartkapazitäten in Esrange — ein weiterer Beleg dafür, dass Kiruna nicht nur für seine Eisenerzvorkommen, sondern zunehmend auch für seine strategische Lage im Fokus steht.
Weitere Gesichter — Icehotel & Hjalmar Lundbohm
Das Icehotel in Jukkasjärvi
18 Kilometer von Kiruna entfernt liegt das Dorf Jukkasjärvi — und mit ihm das wohl bekannteste Hotel der Welt, das nie zweimal gleich aussieht. Das Icehotel wird seit 1989 jeden Winter neu errichtet, vollständig aus dem Eis des Torne-Flusses, der direkt am Hotel vorbeifließt. Hundert Eiskünstler aus aller Welt gestalten Zimmer, Suiten und Skulpturen, die im Frühjahr wieder ins Wasser schmelzen. Die Innentemperatur ist konstant auf minus fünf Grad eingestellt.
Das Icehotel ist längst kein Kuriosum mehr, sondern ein international anerkanntes Architektur- und Kunstformat — und der Hauptgrund, warum Touristen aus aller Welt in den tiefsten schwedischen Winter reisen. Jukkasjärvi bedeutet auf Sámisch sinngemäß „Treffpunkt am Wasser" — und dieses Versprechen wird seit 1989 eingelöst, nun mit Nordlichtern, Hundeschlitten und einem Cocktail in einem Glas aus Eis.
Hjalmar Lundbohm — der ungekrönte König Lapplands
Kiruna hat einen Gründervater, der in keinem Stadtprospekt fehlt: Hjalmar Lundbohm (1855–1926), erster Direktor der LKAB-Mine ab 1898. Er war Geologe, Visionär und Mäzen in einem. Während andere Bergbaustädte seiner Zeit als funktionale Arbeiterlager angelegt wurden, plante Lundbohm Kiruna mit breiten Straßen, Parks und einem Anspruch auf Würde. Er holte Künstler, Intellektuelle und Architekten in die Polarstadt — darunter den Maler Prins Eugen, Sohn König Oskars II.
Lundbohm zeigte auch echtes Interesse an der Sámi-Kultur, zu einer Zeit, als das völlig unüblich war, und setzte sich für die Dokumentation ihrer Traditionen ein. Sein Wohnhaus, das Lundbohmsgården (1895), steht noch heute — eines der wenigen Gebäude, das den Umzug der Stadt als schützenswertes Kulturdenkmal überlebt.