Was machen 13 Menschen tief in einer Mine, wenn der Berg zu zittern beginnt?
Es ist 3:11 Uhr morgens. 1.146 Meter unter der Erde. Dreizehn Menschen sind in der Nachtschicht. Dann beginnt der Berg zu sprechen.
Am 18. Mai 2020 erschütterte das schwerste Erdbeben in der Geschichte der Kirunavaara-Mine die gesamte Region — 4,2 auf der Momentenmagnitudenskala. Andere Messsysteme nannten bis zu 4,9. Damit war es eines der stärksten Beben in Schweden seit zwölf Jahren. Die dreizehn Arbeiter wurden evakuiert. Alle erreichten die Oberfläche. Niemand wurde verletzt.
Was danach kam, war für den Berg kein Ende — sondern ein Beginn. In den ersten 24 Stunden registrierte das interne Geophonnetz der Mine 20.662 Nachbeben. Fünfmal mehr als an einem normalen Tag. Fünfzehn Tage lang hörte das Beben nicht auf. Ein Bergpfeiler in Block 22 war kollabiert — in der Fachsprache nennt man das ein „gebirgsinduzierten seismischen Ereignis". In der Umgangssprache: Die Mine schluckt sich selbst.
Die Folgen waren erheblich. Block 22 stand mehr als zwanzig Monate still. LKAB musste seine Mineralreserven für Kiruna im darauffolgenden Jahr nach unten korrigieren. Und die Geophones — die internen Messgeräte der Mine — hatten ihr Messlimit erreicht. Man wusste nicht einmal, wie stark das Beben wirklich war.
Der schwedische Regisseur Richard Holm ließ sich von diesem Beben zu einem Katastrophenfilm inspirieren: The Abyss (Avgrunden), 2023 veröffentlicht, 2024 bei Netflix — in der ersten Woche meistgesehener skandinavischer Film auf der Plattform. Die Hauptrolle: Tuva Novotny als Mine-Sicherheitschefin, die ihre Stadt vor sich selbst retten muss.
Eine Stadt, die für einen Berg gebaut wurde — und nichts anderes
Stellen Sie sich vor, man gründet eine Stadt. Nicht weil Menschen hier leben wollen. Nicht weil das Klima angenehm ist. Nicht weil es Äcker gibt oder Fischgründe. Sondern weil ein Berg etwas enthält, das die Welt braucht.
Das ist Kiruna. Um 1890 begann LKAB — Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag, heute vollständig in Staatsbesitz — die Eisenerzlager am Kiirunavaaraberg abzubauen. 1900 wurde Kiruna offiziell als Stadt gegründet. Die Infrastruktur — Häuser, Straßen, Bahnhof, Gemeindegebäude — wurde von LKAB finanziert, von LKAB geplant, für LKAB gebaut.
Heute versorgt die Mine rund 80 Prozent des europäischen Eisenerzbedarfs. Täglich werden Mengen abgebaut, die — übereinandergestapelt — dem Sechsfachen des Eiffelturms entsprechen. Rund 1.800 Menschen arbeiten für LKAB in Kiruna. In einer Stadt mit 18.000 bis 20.000 Einwohnern ist das keine Statistik — das ist das Schicksal fast jeder Familie.
Das macht etwas mit einem Ort. Es macht ihn robust und zerbrechlich zugleich. Robust, weil er einen klaren Zweck hat. Zerbrechlich, weil dieser Zweck irgendwann — buchstäblich — den Boden unter der Stadt wegzieht.
Warum 12.000 Menschen ihr Zuhause aufgeben müssen — für ein Loch im Boden
Eine Stadt zieht um. Nicht ein paar Häuser. Nicht ein Stadtteil. Eine ganze Stadt. Mit Kirche, Rathaus, Krankenhaus, Schule. Mit allem, was eine Stadt ausmacht. Drei Kilometer nach Osten.
Im Jahr 2004 machte LKAB eine Entdeckung, die eigentlich keine Überraschung war — nur eine, die man lange verdrängt hatte: Der Erzkörper unter dem Kiirunavaaraberg reicht weit unter die Stadt hinein. Je tiefer man abbaut, desto größer werden die Hohlräume. Die Oberfläche beginnt nachzugeben. Risse im Fels, Setzungen, Verformungen. Die sogenannte Deformationszone breitete sich unaufhaltsam Richtung Stadtzentrum aus.
Im August 2025 gab LKAB bekannt, dass die Deformationszone doppelt so groß ist wie bisher angenommen. Statt 6.000 sind jetzt 12.000 Einwohner betroffen. Das sind mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung. Für die erste Phase ist eine Finanzierungslücke von 1,8 Milliarden Schwedischen Kronen entstanden — weil die Kosten, die LKAB vor zehn Jahren ausgehandelt hat, längst nicht mehr reichen.
Und dann ist da die Kirche. Die Kiruna kyrka, 1909 bis 1912 aus Holz erbaut, von den Bewohnern in einer Umfrage zur schönsten Kirche Schwedens gewählt. Im August 2025 wurde sie auf einem Spezialfahrzeug mit 224 Rädern auf einer eigens dafür angelegten Straße transportiert — 672 Tonnen, 5 Kilometer, zwei Tage. Tausende Menschen standen am Straßenrand und schauten zu, wie ihr Wahrzeichen langsam durch die Stadt wanderte.
Der Erzzug, der einen Weltkrieg mitentschieden hat
April 1940. Norwegen. Zwei Weltmächte kämpfen in einem kleinen Hafen gegeneinander. Was sie suchen: nicht Öl, nicht Gold, nicht Land. Eisen. Schwedisches Eisen aus Kiruna.
Die Malmbanan — die Erzbahnlinie — verbindet seit 1902 Luleå am Baltischen Meer über Kiruna mit Narvik am Atlantik. Rund 500 Kilometer. Gebaut zwischen 1898 und 1902, durch Permafrost und über Berge, mit über 5.000 Arbeitern. Ziel: der eisfreie Hafen von Narvik, den der Golfstrom das ganze Jahr offen hält — Luleå friert im Winter zu.
Ein beladener Erzzug ist 750 Meter lang, wiegt 8.600 Tonnen, zieht 68 Waggons. Bis zu 13 solcher Züge fahren täglich in jede Richtung. Die eingleisige Strecke ist die am stärksten belastete Güterbahnlinie Europas.
Im April 1940 rückten die Deutschen in Narvik ein. Die Alliierten griffen an. Ziel auf beiden Seiten: die Bahn. Wer die Malmbanan kontrolliert, kontrolliert einen erheblichen Teil der deutschen Stahlproduktion — und damit der Kriegsmaschinerie. Die Schlachten um Narvik kosteten Tausende das Leben. Der Hafen wurde bombardiert, die Bahn unterbrochen. Für den Rest des Krieges liefen Exporte nur noch über das winterlich zugefrorene Luleå.
Der Mann, der einer Grube eine Seele geben wollte
Ein Geologe steht am Polarkreis, schaut auf ein Eisenerzvorkommen und beschließt: Das hier wird mehr als eine Grube. Hier wird eine Stadt entstehen, die es wert ist, eine zu sein.
Hjalmar Lundbohm, geboren 1855, gestorben 1926, war der erste Grubendirektor von LKAB ab 1898 — und eine der ungewöhnlichsten Figuren der schwedischen Industriegeschichte. Während andere Bergbaupioniere Arbeitersiedlungen als reine Funktionsbauten behandelten, plante Lundbohm Kiruna mit breiten Straßen, Parks und dem Anspruch auf Würde.
Er lud Künstler, Intellektuelle und Architekten an den Polarkreis ein. Darunter den Maler Prins Eugen — Sohn von König Oscar II, einer der bekanntesten schwedischen Landschaftsmaler seiner Zeit. Lundbohm verstand: Schönheit ist kein Luxus. Schönheit ist eine Aussage darüber, was die Menschen, die hier arbeiten, wert sind.
Er zeigte auch aufrichtiges Interesse an der samischen Kultur, als das in seiner Zeit vollkommen ungewöhnlich war, und unterstützte die Dokumentation ihrer Traditionen. Sein Wohnhaus, die Lundbohmsgården von 1895, steht heute noch — eines der wenigen historischen Gebäude, die die Stadtverlagerung als Kulturdenkmal überleben dürfen.
45 Kilometer östlich von Kiruna: Europa startet ins All
Ein kleines Dorf weit nördlich des Polarkreises, mitten in der lappländischen Einöde. Und von hier aus schießt Europa seit 2023 Satelliten in den Orbit.
Das Esrange Space Center, 45 Kilometer östlich von Kiruna, existiert seit 1966. Über 575 Höhenforschungsraketen und 675 Stratosphärenballons wurden hier gestartet. Betrieben von der Swedish Space Corporation (SSC), staatseigen. Warum ausgerechnet hier? Die Lage ist kein Zufall: 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, minimale Lichtverschmutzung, kaum kommersieller Flugverkehr — Polarsatelliten passieren die Empfangsantennen bis zu 14 Mal täglich. Nirgendwo sonst in Europa funktioniert das so gut.
Am 13. Januar 2023 eröffnete König Carl XVI. Gustaf den neuen orbitalen Startkomplex — Spaceport Esrange — als erste Satellitenstartanlage auf dem europäischen Festland. Der geopolitische Hintergrund: Europa will weniger abhängig von SpaceX und anderen US-Anbietern werden. Der Ukrainekrieg hat die strategische Bedeutung von Satellitennetzwerken auf schmerzhafte Weise verdeutlicht.
Im März 2026 unterzeichnete Schwedens Rüstungsbeschaffungsbehörde einen Vertrag über rund 19 Millionen Euro für militärische Satellitenstartkapazitäten bei Esrange. Kiruna ist nicht nur eine Stadt, die umzieht. Es ist auch ein strategischer Punkt auf der geopolitischen Landkarte des 21. Jahrhunderts.